Heinrich Heuer: Eigentlich wäre ich ja lieber Förster geworden …

Heinrich Heuer: Eigentlich wäre ich ja lieber Förster geworden …

Den 80. Geburtstag von Heinrich Heuer nahmen Georg Lebzelter und Philipp Maurer zum Anlass, mit dem Künstler über seine Jugend, sein Studium in Berlin, Stuttgart und Wien und über die Radierkunst zu plaudern.

Georg Lebzelter: Deinen 80. Geburtstag nehmen wir gerne zum Anlass, mit dir über die Wurzeln deiner Arbeit, deine Jugend und Studentenzeit zu plaudern. Du hast erwähnt, dass du aus einem religiösen Haus kommst.

 Heinrich Heuer: Mein Vater war Pastor. Und ein Freund hat einen Film über mich mit dem Motto „Protestantisches Fegefeuer, gegrillt von Gewissen“ versehen. Ich weiß eigentlich nicht, was er damit gemeint hat. Ich bin ja kein kirchlicher Mensch. Aber gegen Kritiker und Betrachter ist man machtlos. Auch gegen dieses Gespräch kann ich nichts machen.

Philipp Maurer: Mit gewissem Stolz hast du mir einen Druck gezeigt, den du am Berg Athos, im Kloster Chilandar, von einer mehr als 200 Jahre alten Platte gedruckt hast.

Heinrich Heuer: Das Drucken am Berg Athos war ein kleines Abenteuer, weil Kurt Zein, der vorher dort arbeiten sollte, keine Lust mehr hatte. Daher lud man 1979 und 1981 mich dorthin ein. Die Hauptarbeit war nicht das Drucken, sondern das Restaurieren der Kupferplatten. Die Mönche hatten nämlich entdeckt, dass irgendwann geätzte und gestochene Kupferplatten verkommen waren und teilweise zum Dichten der Dächer verwendet wurden, und suchten einen Drucker, der die oxidierten, verdreckten Platten voller Grünspan, die zum Teil aus dem 18. Jahrhundert stammten, drucken konnte.

Georg Lebzelter: Wie kamen die Mönche auf Zein und dann auf dich?

Heinrich Heuer: Ein Pater, quasi der Diplomat von Chilandar, ursprünglich ein serbischer Ingenieur mit Kontakten nach Wien, hat das eingefädelt. Er war ein netter, gastfreundlicher Mensch. Die Arbeit habe ich unentgeltlich gemacht, nur gegen Kost und Quartier. Mit dem Bruder Kellermeister hab ich mich gut verstanden, an manchem Abend haben wir uns getroffen – und da reimt sich was drauf! Die Druckerpresse kam aus Wien. Ich habe einen Abzug von zwei der Platten, die ich hergerichtet und gedruckt habe, hier in meiner Sammlung.

Georg Lebzelter: Wenige Jahre später bist du als Kursleiter für Radierung im katholischen Kloster Geras in Niederösterreich aufgetaucht, wo ich dich kennengelernt habe.

Heinrich Heuer: Man kann aber nicht sagen, dass ich mich mit den Mächten sehr eingelassen habe. Dafür, dass der Abt Angerer später Probleme hatte, kann ich sicher nichts.

Philipp Maurer: Du arbeitest heute ausschließlich als Radierer und in Kupfer. Wie kam es zu dieser Spezialisierung?

Heinrich Heuer: Als Student habe ich natürlich, wie jeder Anfänger, mit Zink begonnen, aber dann hat mir das Kupfer viel mehr imponiert, weil es viel mehr aushält. Man kann in Zink rasant schnell eine Kaltnadel hinsetzen und bekommt auch einige gute Abzüge, aber ins Kupfer kann man viel intensiver hineinarbeiten und bekommt alles wieder heraus! Als ich in Wien bei Max Melcher studierte, hab ich immer ziemlich kleine Platten gemacht, weil ich ja kein Geld hatte. Eines Tages liegen plötzlich auf meinem Platz mehrere Platten. „Wo kommen die her“, hab ich Melcher gefragt, „ich kann das nicht zahlen.“ Und Melcher hat sich so herumgedrückt, so jaja, also mach was draus. Melcher hat auf seine Leute geschaut. Zwar hat er die Platten vermutlich nicht selbst bezahlt, denn es gab ein Klassenbudget, aber trotzdem! Er war ja noch Assistent und hatte gar keine Macht über das Budget!

Philipp Maurer: Wie bist du überhaupt darauf gekommen, Künstler und im besonderen Druckgraphiker zu werden?

Heinrich Heuer: Ich wär viel lieber Förster geworden, aber damals in der DDR nach der Matura, für die du all das überflüssige Zeug auswendig gelernt hast – das ich Gott sei Dank alles wieder vergessen habe, bis auf den Teil, den ich gerne behalten und dann aufgestockt habe –, hätte ich drei Jahre als Waldarbeiter arbeiten müssen, um dann in die Forstakademie aufgenommen zu werden. Da ich ja ein Bub vom Land bin, kannte ich das Rübenverziehen und die Arbeit im Sumpf sehr genau; da dachte ich, nein, drei Jahre Bäume pflanzen, das brauch ich jetzt nimmer. Da mach ich lieber das, was ich auch noch kann: zeichnen. Auf den Rückseiten der Papierkorb-Papiere meines Vaters habe ich immer gezeichnet – Piraten, Seeräuber, germanische Ritter gegen römische Römer und so, alles auf gewiss banalem Niveau. Da bin ich vor der Matura in die nächste Stadt, nach Stralsund, gefahren, wo es ein Theater gab, und dort habe ich gefragt, ob ich nicht bei ihnen Bühnenbildner lernen könnte. Sie sagten, nein, das geht nicht, so einen haben wir schon, aber Bühnenmaler können Sie werden. Aber ich habe schon in der Schule einige Kulissen gemalt und wusste also, dass ich das wirklich nicht wollte. Darum hab ich mich an der Ostberliner Hochschule für angewandte Kunst beworben. Und bin überraschenderweise eingeladen worden, an den Examen teilzunehmen. Wir haben mehrere Tage in einer Baracke gewohnt und mussten jeden Tag eine Aufgabe lösen; vieles hab ich gar nicht zustande gebracht: ich konnte zum Beispiel keinen anständigen Kopf aus Ton formen. Als dann am Ende der Prüfung der holländische Direktor der Schule vor etwa 100 Leuten in der Aula eines ehemaligen Fabrikgebäudes die Namen der Aufgenommenen vorlas, kam meiner erst ganz am Schluss dran: „Heinrich Heuer – aber er muss sich sehr anstrengen!“.

Georg Lebzelter: Und Heinrich Heuer hat sich dann sehr angestrengt, oder?

Heinrich Heuer: Ich hab versucht, alles zu tun, was ich konnte. Ich glaub, ich hab den Durchschnitt erreicht. Die Vorgaben fürs Zeichnen waren damals recht streng. Realistisches Abzeichnen, ein Wasserbecken mit Wasserhahn oder sowas. Ich hab mir aber was ganz anderes vorgestellt, denn ich war ja damals ein bekennender Sozialist. Ich wollte im Sinne meiner Helden Bert Brecht und Alfred Kantorowicz, der linken Schriftsteller und Journalisten, arbeiten. Aber der Assistent sagte, wer zeichnen will, muss alles können, nicht bloß einen Akt. „Jetzt zeichnen’s einmal einen Wasserhahn!“

Philipp Maurer: Aber du hast nicht in Berlin fertigstudiert?

Heinrich Heuer: Natürlich nicht. Nach einem Semester sind wir dort weg. Ich als Kind vom Land, in der mächtigen, zertrümmerten Metropole Berlin, wo alles noch so ausgeschaut hat wie gleich nach dem Krieg, wo wir am Sonntag noch Steine putzen mussten – das hat nicht funktioniert. Wir haben uns gemeinsam aufgemacht, denn wir hatten alle ähnliche Ideale, waren gegen diese Plakatkunst, die sie damals erzeugt haben: mit den Fahnen und blöden heroischen Gesichtern und der simplen Menschheitsgeschichte drin. Aus dem Sozialismus ist ja ein kleinbürgerlicher Funktionärsstaat geworden, mit rigiden Vorgangsweisen. Unser Professor, Tombrock, war in den 20er Jahren ein Arbeitermaler und Exilfreund von Brecht. Durch ihn hab ich Brecht kennengelernt, er hat mir bei einer Theaterprobe sogar die Hand gedrückt. Und ich hab mich gewundert, dass Brecht, mein Idol, der damals schon sehr krank war, so ein weißes fleischiges Gesicht und eine weiße fettige Hand hatte – als Jugendlicher, noch dazu als old fashioned Jugendlicher, stellst du dir Ideale ja anders vor. Bei Alfred Kantorowicz waren wir auch, der war eher resigniert in dieser Scheiß-Gesellschaft, in der es keine Sozialisten und keine vom revolutionären Impuls Gedrängte mehr gab, sondern nur noch Verwalter.

Darum haben wir, fünf Kommilitonen, gemeinsam mit dem Professor Tombruck an die Kulturkommission des ZK der SED ein Pamphlet geschrieben, in dem wir sagten, dass wir dagegen sind, dass die Kunst sich zu so plakativen Gschichten entwickelt, und dass wir eine revolutionäre Kunst wollen. Aber als ich aus den Osterferien mit einem Rucksack voll Brot und Speck zurückkomme, finde ich an meiner Tür einen kleinen Zettel meines Kommilitonen, dass sie uns aus der Hochschule rausschmeißen wollen, und dass wir, damit wir wieder Kontakt zum Volk bekommen, ein paar Jahre in einer Schweinezuchtkolchose arbeiten sollten. Daher sei es besser, schrieb er, dass wir uns morgen in Westberlin treffen. Also hab ich meinen Rucksack gepackt, meine Mappe genommen, mich in die S-Bahn gesetzt und bin weg – das war auch damals schon nicht so einfach, denn man musste eine gute Ausrede haben für die Typen mit den Ledermänteln an den Bahnsteigen.

Aber ich hab mir nichts Gescheites eingepackt gehabt, nur Bücher, die van-Gogh-Briefe und so – ich hätte was zum Anziehen gebraucht. Aber ein Zurück war nicht mehr möglich. Das war 1953, vor dem 17. Juni.

Wir fünf trafen uns in Westberlin, wurden mit US-amerikanischen Militärflugzeugen nach Hannover geflogen. Es war wie im Krieg – das war mein erster Flug, den werd ich nie vergessen: vor mir ein riesiger geöffneter Speibbeutel. Mir ist aber nicht schlecht geworden.

Dann wurden wir mit Bussen in ein Flüchtlingslager, das eine ehemalige protestantische Behindertenanstalt war, gekarrt. Dort blieben wir drei oder vier Monate, mussten fest als Bauarbeiter und Maler arbeiten und vor dem Essen ordentlich beten, ob wir wollten oder nicht.

Georg Lebzelter: Wann konntest du dann mit deinem Kunststudium weitermachen?

Heinrich Heuer: Ich habe dann die Notaufnahme C, den BRD-Pass bekommen, DM 20.- und eine Fahrkarte an einen Ort nach unserer Wahl. Wir sind dorthin gefahren – ich weiß den Ortsnamen nicht mehr –, wo inzwischen unser Professor Tombrock einen Beinbruch auskurierte – wir waren noch anhänglich!

Aber dann wollte Professor Tombrock unseren Kommilitonen Peter Swoboda aus unserer Gruppe ausschließen. Swoboda war ein frecher Hund und mir in allen Belangen überlegen. Er kannte den ganzen Villon auswendig, war aufsässig und goschert. Wegen ihm bin ich nach Wien gekommen. Aber wir sagten, nein, wir können keinen ausschließen, wir fünf Studenten müssen in dieser feindlichen Umwelt zusammenhalten. Zum Glück meldete uns Tombrock, bevor er nach Schweden ging, alle an der Stuttgarter Akademie an. In der Zeit der Semesterferien haben wir allerlei Arbeiten angenommen am Straßenbau und anderen Baustellen, Künetten ausheben und so. Wir haben uns also nach Stuttgart durchgeschlagen, und sie haben uns in Stuttgart genommen. Ich bin zu Prof. Karl Rössing gekommen.

Georg Lebzelter: Du hast Dir Professor Rössing als Lehrer ausgesucht? Das war ja eine Druckgraphik-Klasse.

Heinrich Heuer: Ich wusste vorher gar nicht, dass es ihn gab. Ja, es war eine Druckgraphik-Klasse, Rössing war Linolschneider und arbeitete mehrfarbig in Clair-obscur. Linolschnitt war bei Rössing quasi der Hausbrauch.

Philipp Maurer: War das nicht ein bissel eine epigonale Schule bei Rössing?

Heinrich Heuer: Rössing war eine starke Person. Und wir waren jung. Man muss irgendwie anfangen, man muss sogar mehrfach anfangen. Es hat einige unter meinen Klassenkameraden gegeben, zum Beispiel Bernd Becher. Wir saßen nebeneinander und haben uns sehr gut verstanden. Ich habe Becher einmal in den Ferien in Siegen besucht. Er hat mir später ein paar von seinen frühen Fotos aus den 60er Jahren geschenkt. Außerdem waren da noch Schöllkopf, Förch, Rabe, Willberg, Meckseper und andere.

Rössing und ich waren später befreundet, er hat mich als Lehrer sehr beeinflusst. Rückblickend bemerke ich, wie viel ich von meinem Vater, zu dem ich ein kontroverses Verhältnis hatte, und von Rössing gelernt habe. Deshalb war ich schon als Druckgraphiker vorgeprägt, als ich an die Akademie in Wien zu Prof. Max Melcher gekommen bin. Und diese Prägung hat mich gehindert, die Freiheit, die mir Melcher geben hätte können, auszuleben.

Georg Lebzelter: Wann hast du mit dem Radieren begonnen?

Heinrich Heuer: Ich hab in Stuttgart mit Radierungen, die in der Nähe der Kollwitz waren, angefangen. Das Radieren hab ich von einem alten Drucker an der Akademie gelernt. Man hat uns nur die Hochdrucke vom Holz und Linol selbst drucken lassen.

Georg Lebzelter: Deine frühen Radierungen haben einen starken Bezug zur Ästhetik des Linol- und Holzschnitts. Als ich im Kunsthistorischen Museum auf der Freyung eine Ausstellung von Rössing gesehen habe, konnte ich mir eine Verbindung schaffen zwischen deinen frühen Radierungen und Rössing.

Heinrich Heuer: Rössing hat mich thematisch stark beeinflusst.

Philipp Maurer: Musstest du neben deinem Studium immer arbeiten?

Heinrich Heuer: Ja, ich hab immer arbeiten müssen, ich war Maurer, Hilfsarbeiter, Nachtwächter, Nachtportier, ich war Platzanweiser im Bali-Kino – Bali heißt Bahnhof-Lichtspiele!, wo die fadisierten Zugler auf den nächsten Zug gewartet haben –, bis 3 Uhr in der Früh, und hab 1 ¼ Stunden heimhatschen müssen zu meiner Bude. In einer Buchhandlung hab ich ein Buch von Odilon Redon gefunden – damals war ich sehr inspiriert davon, heute kenne ich leider schon so viele schlechte Bilder von Redon – und, von Rössing und Redon beeinflusst, ging ich immer weiter weg von dem, was man Sozialistischen Realismus genannt hat.

Nach einem Semester hab ich Christine, meine spätere Frau, in der Klasse kennengelernt.

Philipp Maurer: Warum bist du dann aus Stuttgart weg und ausgerechnet nach Wien?

Heinrich Heuer: Zu der Zeit dachte ich, ich muss irgendwo anders hin, aber leider kann ich außer meinem Pidgin-Russisch und meinem Pidgin-Englisch keine andere Sprache, also konnte ich nur dort hin, wo man deutsch spricht. In Wien lebte schon mein Freund Swoboda, also bin ich im Jahr 1957 gekommen. Christine war damals in Düsseldorf und mit Wolf Vostell befreundet.

In Deutschland hab ich mich nie so wohlgefühlt, denn da ich ein entlaufener DDRler war, haben sie mich immer für einen Kummerl gehalten. Nur weil ich meine Grundüberzeugung nie verleugnet hatte, die überhaupt nicht zu diesem Staatskommunismus passte, sondern immer nur zu einem Idealkommunismus.

Hier in Österreich bin ich so nett empfangen worden, alle waren nett zu mir, seither bin ich da. Ich bin in Hitlerdeutschland geboren, dann Sowjetische Besatzungszone, dann DDR, dann Westdeutschland – ich hab von Deutschland vier Ausweise gehabt. Ich hab die Nase voll gehabt. Dann war auch diese Ost-West-Gegnerschaft – da dachte ich, nun komm ich in ein Land, klein, unauffällig im politischen Umraum, mit einer gewissen Tradition. Am liebsten wäre ich staatenlos gewesen.

Philipp Maurer: Heute bist du Österreicher?

Heinrich Heuer: Ich hab 1959 Christine geheiratet, und als mein Bub auf die Welt kam, sind wir Österreicher geworden, weil er eine Staatsbürgerschaft gebraucht hat. Vorher hab ich alle halbe Jahr antanzen müssen bei der Fremdenpolizei, am Seipelplatz bei der Jesuitenkirche, und hab meinen Stempel abholen müssen.

Ich landete in Wien in der Martin-Klasse. Prof. Martin war künstlerisch eine fade Type, aber ich bin zu ihm, weil er die Graphikklasse-Meisterschule leitete. Er kam aus der Schmutzer-Partie, und weil er in der Nazizeit unbescholten war, hat er die Professur bekommen. Einmal habe ich ein Litho-Plakat für eine Ausstellung von ihm gedruckt, ein bissel im Stil von Otto Runge – so blade Babies, die den Sonnenaufgang bewundern. Max Melcher war schon Assistent in der Klasse, und er war in der Werkstatt der einzige, der Einfluss ausgeübt hat.

Melcher war immer gut zu mir, auch als er dann Professor geworden war. In der Jahresausstellung hab ich den Meisterschulpreis bekommen. Allerdings war ich der Meinung, mir wäre der Füger-Preis zugestanden. Da hat Melcher zu mir gesagt, bist deppert, der Füger-Preis ist eine Medaille, aber ich hab dafür gesorgt, dass du den Meisterschulpreis kriegst, da kriegst nämlich 500 Schilling! Um 500 Schilling konnte man ganz gut leben, aber das Untermietzimmer hat schon 300 Schilling gekostet.

Georg Lebzelter: Vom Linol- und Holzschneiden bei Rössing hast du dich emanzipiert. Mich würde dieser Schritt vom Linol zum Kupfer interessieren. Hat das auch etwas mit dem Ortswechsel zu tun?

Heinrich Heuer: Damals war ich schon Druckgraphiker, ich wollte unbedingt ätzen und die vielen Möglichkeiten nutzen. Melcher hat mich mit Kupfer gefördert und hat mich machen lassen, was ich wollte. Unsere Klasse war ein Studio, ein Studium lebt ja davon, dass man zusammen arbeitet. Mit mir waren Kurt Amann, Ingerl, Krupbauer. In der Klasse war nicht viel los, Ingerl hat ja ganz was anderes gemacht, der Aspetsberger, der Germanist geworden ist, war dabei, damals hat er noch Maler werden wollen, seine Frau Inge Vavra war eine gute, die hat nie studiert, sondern ihn nur besucht.

Philipp Maurer: Damals warst du schon ganz auf die Radierung konzentriert. Hast du schon während des Studiums deine charakteristische Bildsprache entwickelt?

Heinrich Heuer: Ich hab mich in den späteren Jahren schon sehr entwickelt. Wenn ich heute im MUSA die Sachen sehe, die ich früher gemacht habe – ich würd was geben, wenn ich das nicht gemacht hätte.

Philipp Maurer: In der MUSA-Ausstellung „Kunst der 70er Jahre“ hing eine hochinteressante Arbeit, die ich nicht als Heuer eingeschätzt hätte.

Heinrich Heuer: Ich tät’s heute wegschmeißen. Ich hab eine nahezu ähnliche Radierung gehabt. Auch in der Ausstellung mit Kunst aus den 50er Jahren war was von mir drin, das war das erste, das die Gemeinde Wien von mir gekauft hat, ein Motiv aus dem Alten Testament, wo es räuberisch zugeht und das man wie einen Krimi lesen kann. Ich möchte das alles nicht gemacht haben! Aber es nimmt einem keiner was zurück!

Aber dann bleibt man bei sich, bei seinem Bohrloch, es entstehen immer im Requisitenraum Dinge, die sich dann in den Vordergrund drängen. Irgendwann hat man mich für gegenständlich gehalten, obwohl ich der Meinung bin, dass alles, was ich gemacht habe, zumindest nicht gegenständlich ist, sondern assoziativ zu Gegenständen und zu den eigenen Gedanken, die man beim Arbeiten hat.

Philipp Maurer: Die du auch in den oftmals seltsam anmutenden Titeln zusammenfasst.

Heinrich Heuer: Die Titel hätt ich am liebsten überhaupt nie gemacht, aber man braucht sie, um die Sachen einzuordnen. Ich versuche immer, ganz kurze schlüssige Titel zu finden, die die Assoziationsmöglichkeiten nicht verbarrikadieren, blockieren.

Philipp Maurer: Die Titel sind also nicht direkt mit den Arbeiten verbunden, erklären sich nicht aus ihnen?

Heinrich Heuer: Nein, sie sind nachgetragen, um die Arbeiten einordenbar zu machen. Sie haben schon einen Bezug, aber mitunter einen solchen, der eine kleine Falle stellt.

Philipp Maurer: Ich hab schon den Verdacht, dass du nach Fertigstellung der Arbeit weiterassoziierst, und das letzte Glied dieser Assoziationskette wird dann der Titel.

Heinrich Heuer: Das wäre ja ein Fazit, und das ist es sicher nicht. Die Sache ist längst fertig, auch gedruckt, und mein einziges Archiv sind meine Ätzbücher, da zeichne ich hinein. Ganz am Schluss kommt der Titel, mitunter fällt er mir gleich ein – in dem Sinne: „das beschreibt es nicht“.

Georg Lebzelter: Gibt es, bevor es auf die Platte geht, Kompositionsskizzen?

Heinrich Heuer: Zuerst gibt es eine fatamorganatische Vision: So hätt ich es gerne. Dann fang ich an herumzukritzeln. Die Zeichnung ist der Ausgangspunkt, die formalisierte Halluzination.

Georg Lebzelter: Wenn du Skizzen machst, ist da für die mehrfarbigen Radierungen viel an Planung, viel Kalkulieren vorab notwendig?

Heinrich Heuer: Nein, gelegentlich kommt das vor, aber doch seltener. Ich mach jetzt auch weniger Farbradierungen, die sind doch viel zu schön geworden. Aber: ich habe eine Skizze, ich arbeite auf die Platte, nun beginnend im Aussprengfahren, mache einen Probedruck, vergleiche es mit der Initialzeichnung, ändere es, zeichne weiter auf der Platte, und nachdem ich sowas von überhaupt nicht spontan bin in meiner Arbeit, sondern eher ein bissel grüblerisch, entsteht meine Druckgraphik typisch gärtnerisch: ein bissel kupieren, ein bissel wachsen lassen.

Georg Lebzelter: Man nimmt sich als Druckgraphiker lange Zeit, das Blümchen wachsen zu lassen.

Heinrich Heuer: Es gibt immer viele Zwischenstadien. Wie im Garten weiß man in der Druckgraphik nie genau, was der Gärtner / Künstler tut und was die Natur / das Material von selbst leistet. Als Gärtner kann man nur eingreifen, zurückschneiden, auswählen, gießen und hoffen. Auch in der Druckgraphik gibt es zwischen der Produktion und dem Erscheinen des endgültigen Ergebnisses die Phase des Glaubens und des Vertrauens. Erst nach dieser Phase kann man die druckgraphischen Enttäuschungen und noch viel mehr die künstlerischen Glücksmomente erleben.

Philipp Maurer: Sind diese Erfahrungen für den Betrachter deiner Druckgraphik nachvollziehbar?

Heinrich Heuer: Ich bin überzeugt davon, dass diese Erlebnisse in der Arbeit selbst, am bedruckten Blatt Papier, erlebbar und nachvollziehbar sind. Die Druckgraphik zeichnet sich dadurch aus, etwas anders zeigen zu wollen und anders auszuschauen als Malerei oder Zeichnung. Sie ist einfach Obsession und das ist für den Betrachter lesbar!

Philipp Maurer: Wir danken für das Gespräch und wünschen zum Geburtstag alles Gute! Ad multos annos.

Aus: Um:Druck – Zeitschrift für Druckgraphik und visuelle Kultur. Nummer 25, April 2014, S.1ff.

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