W. Buchta und K. Planegger: Das Buch Hiob

Über die Präsentation des außergewöhnlichen Künstlerbuches der beiden Wiener Künstler Wolfgang Buchta und Konrad Planegger in Berlin berichtet Volkhard Böhm

Im Jahr 2013 schrieb ich im Um:Druck, der damals noch als Printausgabe erschienen ist, über einen Besuch in der AKG Berlin, einer Produzentengalerie, die sich auch heute noch wie eine Enklave österreichischer Kunst in der Wilhelm-Stolze-Straße 31, inmitten von Berlin-Friedrichshain, befindet. Gegründet von den beiden KünstlerInnen Andre E. Steinhausen und Jasna Herger, vereint die Galerie nach wie vor Produzentengalerie und Druckwerkstatt. Diese Kombination bedingt den Ausstellungsschwerpunkt Druckgraphik. Jasna Herger ist inzwischen aus der kleinen Betreibergesellschaft ausgeschieden. Ein Trägerverein befindet sich in Gründung.

Vom 12. Januar bis zum 10. März 2017 wurde hier das umfangreiche Künstlerbuchprojekt zum biblischen Buch Hiob der beiden Wiener Künstler Wolfgang Buchta und Konrad Planegger ausgestellt. Beide sind Jahrgang 1958 und haben an der Akademie der bildenden Künste in Wien studiert. Buchta gehörte seinerzeit bereits zum Künstlerstamm der Galerie und hat sich schon mit einer Reihe ähnlicher Buchprojekte einen Namen gemacht.

2012 beschlossen die beiden Graphiker, das gemeinsame Projekt eines originalgraphischen Künstlerbuches zum biblischen Buch Hiob anzugehen. Im Folgejahr begannen sie mit den Arbeiten an dem Buch nach der Originalübersetzung von Martin Luther in folgenden Techniken: Radierung, geätzt und als Kaltnadel, Farblithographie, Offsetdruck und Aquarell. Nach dem frühen Tod von Konrad Planegger im Jahr 2014 stellte Wolfgang Buchta das Werk im vergangenen Jahr allein fertig. Die bis dahin vorliegenden Zeichnungen und Entwurfskizzen wurden über Offset ins Gesamtwerk eingefügt. Durch diese erzwungene Terminierung und durch die heurige Premierenausstellung in Deutschland kann man das Buch auch als einen Beitrag zum diesjährigen Reformationsjubiläum sehen, das in der Ausrichtung mehr ein Lutherjubiläum wird. Und die Ausstellung ist gleichzeitig eine Gedächtnisausstellung für Konrad Planegger.

Entstanden ist ein äußerlich schlichtes, aber innen um so opulenteres Werk, in dem sich die unterschiedlichen Gestaltungselemente der beiden Künstler teilweise zu einer kongenialen Symbiose verbinden, manchmal aber auch im einander widersprechenden Ausdruck auseinanderstreben. Das oft verwirrende Liniengeflecht Buchtas und seine exaltiert-plastische Figürlichkeit mit ihrer betonten Konturenzeichnung stehen in einer eindrücklichen Spannung zur sensibel-zeichnerischen und atmosphärischen Figürlichkeit Planeggers, verbunden sind beide Gestaltungen durch die expressive Grundhaltung beider. Während Buchtas Figurenbildung in seiner ausdrucksstarken Gestik und surrealen Abstraktion auf Einflüssen der Wiener Schule des Phantastischen Realismus fußt, stehen die Figuren Planeggers in ihrer zerfließenden Form eher in der Tradition eines expressiven Realismus. Der Text ist in Dunkelrot gedruckt, die meisten Graphiken in vier Farben.

Das Buch Hiob gehört zu den Lehr- oder poetischen Büchern, die erst in nachexilischer Zeit in den Kanon des Alten Testaments aufgenommen worden sind. Diese Bücher, auch als Weisheitsbücher bezeichnet, sollten vorrangig der Belehrung, aber auch der Erbauung dienen, in denen sich Alltagserfahrungen mit dem Wissen um Gott verbinden. Im Buch Hiob geht es um den uralten und ewigen Zweifel, ob das Leid in der Welt sinnhaft ist. Warum Gott das Leiden Unschuldiger zulässt. Oder ganz banal und allgemeingültig um die Frage: Wodurch oder womit haben wir/habe ich dieses oder jenes Schicksal verdient? So fragt Hiob immer wieder: Warum? „Dieses Buch ist“ für Heinrich Heine „das Hohelied der Skepsis, und es zischen und pfeifen darin die entsetzlichen Schlangen ihr ewiges: Warum?“[1]

Erzählt wird von den vielen Schicksalsschlägen, die Hiob erleiden muss, und von seinen Gesprächen mit Freunden, in denen er um die Lösung dieser Frage ringt. Nimmt er anfangs alles als gottgegeben an – „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen.“[2] – überkommen ihn mehr und mehr Zweifel oder die Ver-zweiflung. „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin … Jener Tag sei Finsternis, und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen …“[3] Im späteren Gespräch mit den Freunden wird es noch deutlicher: „Warum leben denn die Ruchlosen, werden alt und nehmen zu mit Gütern.“[4] „Ja, wie der Mensch, wenn er leidet, sich ausweinen muß, so muß er sich auch auszweifeln, wenn er sich grausam gekränkt fühlt“, fasst es Heinrich Heine zusammen.[5] Für den Philosophen Ernst Bloch machte solch ein Leiden, wie hier von Hiob, „vielleicht weniger edel, doch es machte aufrecht und fragend.“[6]

Aber erst Gott selbst offenbart Hiob im biblischen Text die Lösung, dass hinter all seinem Handeln seine Weisheit, sein Wissen um das große Ganze steht, auch wenn der Mensch all das nicht immer begreifen kann. Und Hiob erkennt: „Ich erkenne, daß du alles vermagst, und nichts, daß du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.“[7] Es ist die Einsicht des Menschen, er könne und wisse nicht alles. Eine Einsicht, die der Menschheit allzu oft verloren geht.

„Es ist der Irrtum derer auszuschließen, die aus den Übeln der Welt folgern, daß Gott nichts ist … Sie fragen: Wenn Gott ist, woher dann das Übel? Aber man muß sagen: Wenn es das Übel gibt, dann gibt es Gott. Denn das Übel wäre nicht, wenn die Ordnung des Guten nicht bestünde, dessen Beraubung das Übel ist. Diese Ordnung wäre aber nicht, wenn Gott nicht wäre.“[8] – fasst es Thomas von Aquin für die Gottgläubigen zusammen. Die Hiob-Geschichte findet sich nicht nur in dem für das Judentum und Christentum relevanten Alten Testament, sie findet sich auch im Koran. Dort ist Hiob ein Prophet namens Ayyub.

Hiob besteht schließlich die Prüfung durch den Satan, dem Gott freie Hand ließ und bekommt alles Verlorene doppelt zurück mit dem Fazit: „Ende gut, alles gut“, oder „Man soll nie verzweifeln oder die Hoffnung aufgeben.“ Ganz so zufrieden kann mich die Geschichte nicht machen, denn die Toten bleiben tot. Und ganz so leicht ist die Leidensfrage generell wohl doch nicht zu lösen, wie es auch der jüdische Philosoph Hans Jonas feststellt: „Die Hiobsfrage war seit je die Hauptfrage der Theodizee – der allgemeinen wegen der Existenz des Übels in der Welt überhaupt, der besonderen in der Verschärfung durch das Rätsel der Erwählung …“[9] Aber ist diese Frage des Hiobsbuches in ihrer Grundsätzlichkeit über die Theodizee hinaus nicht für die gesamte Menschheit zu stellen und ewig aktuell? Das ist sicher ein Grund, warum sich Künstler wie Buchta und Planegger für dieses Thema interessieren.

Das Buch Hiob besteht aus einer Prosaerzählung und einer Dichtung mit Gesprächen und Reden. Das gesamte Buch ist in einer kunstvoll dichterischen Sprache verfasst. „Weit muß sich der Dichter umgetan haben, seine Sprache ist die reichste im Alten Testament.“ – so Ernst Bloch.[10] Was vermutlich einer der Gründe ist, warum es immer wieder Künstler verschiedener Genres angeregt hat, sich mit unterschiedlichen Motiven aus dem Buch zu befassen; angefangen von den Darstellungen in den Calixt-Katakomben über Bibelillustrationen, bis zu Rembrandt oder Barlach. Auch mich hat die Sprache beim Lesen des Buches fasziniert, obwohl mich andererseits die Langatmigkeit und die vielen Wiederholungen störten.

Während Luther auf der Wartburg 1521/22 allein das Neue Testament aus dem Lateinischen und Griechischen in die deutsche Sprache, das eigentliche Frühneuhochdeutsch, übersetzte, bevor es in der Nachbearbeitung durch Melanchthon und andere dann erstmals als „Septembertestament“ im Druck erschien, haben an den Büchern des Alten Testaments unter der Regie von Luther als Endverfasser von Anfang an verschiedene Fachleute mitgewirkt. Vermutet werden unter anderem nach einer Information des Zeitgenossen Johannes Mathesius neben Melanchthon auch Caspar Cruciger der Ältere, Jakob Ben Chajin, Johannes Buggenhagen oder Caspar Aquila. Das Buch Hiob gehört zu weiteren Büchern, die im Oktober 1524 als Erste fertiggestellt wurden. 1534 erschien das gesamte Alte Testament als Gesamtausgabe gemeinsam mit dem Neuen Testament in gedruckter Form. Es ist die erste vollständige Bibelausgabe in der Übersetzung Martin Luthers, einschließlich der Vorreden zu den biblischen Büchern und Randglossen, versehen mit Holzschnitten aus der Werkstatt von Lucas Cranach, an deren Gestaltung Luther selbst mitgewirkt hat.

Es ist diese Fassung, ebenso im Frühneuhochdeutsch, auf die sich Wolfgang Buchta und Konrad Planegger beziehen. Den Text schrieb Wolfgang Buchta mit der Hand als fortlaufenden Textkörper in der Tradition mittelalterlicher Scriptorien. Das war damals, wie auch bei Buchta heute, eine bewundernswerte Zeitarbeit. Über Offset wird dieser Text dann in die gedruckte Form übertragen und dann partienweise, mal mittig, mal seitlich, auf den Buchseiten angeordnet. Hierin, wie auch in der zeichnerisch-figürlichen Umrandung der Texte, in der farbigen Fassung, im Einsatz von Goldflächen folgen die Künstler in Teilen der Tradition der frühen prunkvollen Bibelhandschriften und Gebetsbücher, wie auch den späteren Bilderbibeln.

Nur wer hier konkrete Illustrationen zu einzelnen Textstellen erwartet, wird enttäuscht. Eigentlich nur einmal wird in der Anordnung der Tradition direkt gefolgt, nämlich in der Umrandung des Textanfangs durch Wolfgang Buchta, mit seiner surrealen Bildphantastik, in der Gestaltungselemente der Wiener Schule, der Gorgonendarstellung, konkret der Medusa, weiterklingen. Dann erscheint zwar noch durchgängig, in der Form Wolfgang Buchtas, in der hockenden oder sitzenden Figur des gepeinigten Hiob und der Anzahl der Figuren in einem Bild, ein direkter Bezug zu einer Textstelle, generell aber spiegeln die Illustrationen mehr den inhaltlichen Gesamtcharakter des Buches von Leid, Verzweiflung, Enttäuschung und Widerstehen. Am deutlichsten wird das in den Darstellungen Buchtas, in denen seine Figuren in einem Liniengeflecht wie in einem Dornengestrüpp gefangen sind. In gänzlich komprimierter Form aber begegnet es dem Betrachter in der mehrmals wiederkehrenden, gleichsam von vielen Figuren durchdrungenen, heftig gestikulierenden Figur Planeggers.

Aber auch die dem Buch zugrundeliegende Fragestellung von wahrer oder falscher Freundschaft – letztere redet eher der Obrigkeit zu Munde als dass sie dem Freunde beisteht (siehe Abb. zu Hiob 15,4-17,9) – kommt verallgemeinernd in der Darstellung der drei Freunde Hiobs wieder; oder die Frage nach der Gerechtigkeit in der Welt und dem Aufbegehren gegen die Ungerechtigkeit, hinter der der Mut steht, sich hier gegen Gott oder verallgemeinert gegen das Schicksal oder jede Obrigkeit aufzulehnen.

Das Buch Hiob zeichnet über die Leidensgeschichte hinaus das Bild vom rechtschaffenen Menschen in einer ungerechten Welt, in der aber, und das ist die zeitlos aktuelle Botschaft, Gerechtigkeit hergestellt werden kann. Wobei uns die Vernunft und unser tägliches Erleben zeigen, dass es nicht immer möglich ist.

Dieser Botschaft spüren die beiden Künstler in ihrer Version des Buches nach, indem sie mit ihren Bildern in einen Dialog mit dem Text treten. Bilder des Wortes werden zu bildmächtigen Welten.

[1] Heinrich Heine, in: Zu Ludwig Marcus. Denkworte, 1844/1854

[2] Das Buch Hiob 2,10

[3] A.a.O. 3,3/4

[4] A.a.O. 21,7

[5] Heinrich Heine, ebenda (Anm.1)

[6] Ernst Bloch (1885-1977), in: Atheismus und Christentum. Zur Religion des Exodus und des Reichs, 1968

[7] Das Buch Hiob 42,2

[8] Thomas von Aquin, in: Summa contra gentiles

[9] Hans Jonas (1903-1993), in: Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme, 1987

[10] Ernst Bloch, ebenda

 

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