Zeitgenössische japanische Holzschnitte in Innsbruck

Vom 14. September bis 8. Oktober 2016 zeigte die Galerie Nothburga in Innsbruck zeitgenössische japanische Holzschnitte. Ein Rückblick von Manfred Egger

 

Im Jahr 2007 wurde ich im Rahmen der 5th KIWA International Woodprint Exhibition ins Kyoto City Museum zur Verleihung des Kyoto Shimbun Preises eingeladen. Dort, in der Ausstellung selbst und im Laufe der nächsten Tage, durfte ich das Team um Richard Steiner (Tosai)* und seine Frau Kimiko, die hauptverantwortlich für die KIWA-Ausstellungen zeichnen, kennenlernen. Neben den vielen allgemeinen kulturellen Impressionen, die Kyoto bietet (ehemalige Hauptstadt/Residenzstadt Japans mit immer noch zahlreichen Relikten aus dieser Periode, Stadt der tausend Tempel, Stadt der Kimono-tragenden Frauen etc.) gewann ich gleichzeitig einen Einblick in die Organisation und die Arbeitsweise von KIWA.

Ziel von KIWA ist, einen möglichst breit angelegten Austausch von HolzschneiderInnen aus aller Welt anzuregen und zu pflegen. Dazu wird alle drei bis vier Jahre eine große Ausstellung in Kyoto organisiert und aus den Einsendungen aus aller Welt werden jeweils 200 bis 250 Arbeiten ausgestellt. Alle einsendenden KünstlerInnen scheinen im Katalog zur Veranstaltung mit mindestens einer Arbeit auf. Den handlichen Katalog schützt immer ein Umschlag in Form eines Original-Holzschnittes, entworfen von einem Künstler und nach alter japanischer Tradition in einem ausgelagerten Printers-Studio in der entsprechenden Auflage handabgezogen! Seit 1997 läuft dieses Konzept im Wesentlichen immer gleich. Der Erfolg gibt den VeranstalterInnen Recht: Im Verlauf der Ausstellungen finden immer tausende Interessierte den Weg dorthin – davon können wir in Europa nur träumen! Leider könnte die 2016er Ausstellung auch die letzte gewesen sein. Aus Altersgründen wird sich das Ehepaar Steiner zurückziehen, eine klare Regelung für die Zukunft ist noch nicht gefunden.

Mein Kontakt zu Richard Steiner ist in den Jahren nach meinem Besuch dort nie ganz abgerissen, und so gelang es mit einiger Vorlaufzeit, für den heurigen Herbst eine Ausstellung zeitgenössischer japanischer Holzschnitte in Zusammenarbeit mit Richard Steiner einerseits und der Galerie Nothburga andererseits nach Innsbruck zu bringen. Die TeilnehmerInnen sind: Richard Steiner, Hyottoko Chiaki, Natsuko Katahira, Harue und Masanori Katsuyama, Chie Kawabata, Keiko Mikami und Kyoko Sakamoto (6 Damen, 2 Herren). Alle TeilnehmerInnen beherrschen ihr Handwerk perfekt, manche davon sind bereits etabliert und hochangesehen, andere noch jung und aufstrebend, freischaffend oder an Kunstuniversitäten lehrend. Ebenso vielfältig sind ihre Sujets: Da findet sich Abstraktes und Figürliches, Altes und Neues, sehr Traditionelles und Modernes, Verspieltes und Buntes, aber auch Elegisches, Ruhiges und sehr Zurückhaltendes, hintergründig Witziges, gelegentlich auch Zeitkritisches.

Das Gemeinsame aller Arbeiten jedenfalls ist die Technik des japanischen Holzschnittes in einem eher traditionellen Verständnis. Ob man dies nur positiv wertet, bleibt jedem Besucher selbst überlassen. Alle Arbeiten zeichnet ihre exzellente handwerkliche Qualität aus. Die Wahl der Sujets sagt darüber aus, was die KünstlerInnen, die Menschen im modernen Japan interessiert oder eben nicht. Die Arbeiten sind großteils nicht vordergründig politisch-kritisch, zeitgeistig oder tagesaktuell – aber auch die Abwesenheit solcher Themen ist ja eine Stellungnahme. Wir in Europa sind es eher gewöhnt, Traditionen zu brechen, ihnen etwas entgegenzusetzen, wir erfahren Kunst oftmals als etwas, das ins gesellschaftlich-politische Geschehen eingreifen will, Stellung bezieht, konkret kritisiert. Im Osten haben Traditionen für viele immer noch einen ganz anderen Stellenwert. Traditionen verbinden, stellen ein Fortschreiben des (guten) Alten dar, und sie werden nur langsam weiterentwickelt und abgewandelt. Dies spiegelt sich auch in anderen Lebensbereichen wider, und man könnte nun erkunden, wieweit diese Haltungen kulturell, religiös, soziologisch, auch politisch begründbar sind; das allerdings, denke ich, würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen. Ob man für beide Welten gleiche Maßstäbe anlegen kann, müssen die BesucherInnen für sich selbst entscheiden. In jedem Fall bietet die Ausstellung den Interessierten einen Einblick in eine andere Welt, eine möglicherweise andere Auffassung von Kunst, sie ermöglicht einen Einblick in das Spannungsverhältnis von Handwerk und Kunst, letztlich eine jedenfalls weitere und zusätzliche Anregung für alle Kunstinteressierten.

Durchschnittlichen AusstellungsbesucherInnen in Europa sind ja in der Regel aus der japanischen Kunst einzelne Beispiele der klassischen ukiyo-e bekannt, wohl auch manche Namen wie Hokusai, Hiroshige oder Utamaro. Völlig zu Recht zählen die Meister des ukiyo-e zu den ganz großen Highlights der internationalen Kunstgeschichte, für manche stehen sie sogar sinnbildlich für die japanische Kunst im allgemeinen. Natürlich ist das eine verkürzende und unzulässige Verallgemeinerung, zeigt aber gleichzeitig den enormen Stellenwert und die einmalige Außenwirkung dieser speziellen Kunstform. Dass die künstlerische Beschäftigung mit dieser uralten Form der Druckgraphik viel weiter in der Geschichte Japans zurückreicht und auch nicht mit der Edo-Periode geendet hat, ist in Europa wohl nur mehr ausgesprochenen FreundInnen der Druckgraphik oder Kunst-ExpertInnen selbstverständlich.

In diesem Kontext finden wir es nun besonders spannend, dem interessierten Kunstpublikum in Innsbruck/Tirol/Österreich zeitgenössische japanische Holzschnitte zu präsentieren. So bietet die Ausstellung nicht nur einen Blick auf die Gegenwartskultur Japans – was beschäftigt, interessiert, fasziniert Kunstschaffende und mit ihnen ja auch das Publikum im modernen Japan? –, sondern sie ermöglicht gleichzeitig einen intensiven Blick auf die Weiterentwicklung in technischer und thematischer Hinsicht dieser typisch japanischen Kunstform!

 

Die Ausstellung war vom 14. September bis 8. Oktober 2016 in der Galerie Nothburga, Innrain 41 zu sehen.
www.galerienothburga.at, info@galerienothburga.at, Tel.: ++43 (0)512 563761

* Richard Steiner, gebürtiger US-Amerikaner, kam 1970 als Englisch-Lehrer nach Hiroshima – geplant für nur ein Jahr –, kam dort in Kontakt mit dem japanischen Holzschnitt, studierte zehn Jahre bei mehreren Meistern das Handwerk – mokuhanga – und erhielt schließlich seine Lehr-Befugnis, verbunden mit dem Titel „tosai“; seit 1980 betreibt er sein eigenes Studio in Kyoto, bis heute auch als gesuchter und stark gebuchter Lehrer, er unterrichtete bis 2014 an der Seiko University in Kyoto und steht KIWA seit vielen Jahren als Präsident und Hauptorganisator vor.

 

 

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