Bildmotetten. Bild und Ton in Kupfer gestochen

Thea Vignau-Wilberg: Niederländische Bildmotetten und Motettenbilder. Multimediale Kunst um 1600. Eine Buchbesprechung von Philipp Maurer

Thea Vignau-Wilberg: Niederländische Bildmotetten und Motettenbilder. Multimediale Kunst um 1600. Mit beiliegender Notenedition der Motetten von Gerd Keuenhof und  CD der Chorsolisten des Bayerischen Rundfunkchores, München. Verlag Klaus Jürgen Kamprad, Altenburg 2013. 24 x 30,5 cm, 48 Seiten, 10 ganzseitige Bildtafeln; ISBN 978-3-930550-93-7; € 39,80

Der rührige Musikverleger Klaus Jürgen Kamprad hat einen schmalen, aber sensationellen Band über holländische Bildmotetten vorgelegt: Kupferstiche, im Format von zirka 20 x 30 bis zu zirka 35 x 45 cm, mit biblischen Darstellungen, ergänzt um Notenblätter mit extra für diese Blätter komponierten Motetten. Diese bisher kaum bekannten Blätter entstanden seit Ende des 16. Jahrhunderts, als in Holland der Befreiungskrieg gegen die spanische Krone und gleichzeitig der Glaubenskrieg tobten. Interessant ist, dass die Blätter sowohl der katholischen Tradition, in der mehrstimmige Kirchenmusik mit Instrumenten gepflegt wurde, als auch der protestantischen Kirche, in der nur einstimmig und ohne Instrumente gesungen wurde, entstammen. Der wichtigste, heute auch als Stecher Hans von Aachens und als Hofkünstler Kaiser Rudolfs bekannte Kupferstecher ist der Katholik Jan Sadeler, der auch ein guter Musiker war und die Quadratnoten fehlerfrei gestochen hat. Der an alter Musik Interessierten heute noch bekannte Komponist ist Orlando di Lasso. Die Notenblätter sind immer Teil der Darstellung selbst, die im Sinne der beginnenden Gegenreformation agitieren und die Rolle der Musik zum Gotteslob und zur Verschönerung der Liturgie betonen.

Der Einführungstext von Thea Vignau-Wilberg betont die liturgische und propagandistische Funktion der Musik und beschreibt die Rolle der kleinen „Gesamtkunstwerke“, die „in enger Zusammenarbeit von Zeichner, Komponist und Stecher für einen exklusiven, hochgebildeten Liebhaberkreis gemacht wurden“. „Die Motettenbilder enthalten vollständige, in sich geschlossene und zu diesem Zweck komponierte Motetten als Kernpunkt der jeweiligen Darstellung“, in der mit Musik zusammenhängende biblische Themen wie die neun Chöre des Himmels, der Canticum canticorum Salomons oder König David sowie die heilige Cäcilie, Patronin der Musik, dargestellt sind. Zur besonderen Qualität der Blätter gehört auch die Glaubwürdigkeit der Inszenierung: „Das Kleinformat mindert die Ernsthaftigkeit nicht, sondern gibt der musikalischen Professionalität Gelegenheit, sich zu bewähren.“ Die gestochenen Noten sind jedenfalls singbar, auch wenn dies vom relativ kleinen Bild aus nicht leicht möglich ist.

Dem Buch mit 10 großformatigen Abbildungen von Bildmotetten mit ausführlichen Besprechungen sowie einem Einführungstext mit kleinformatigen Illustrationen liegen ein Notenheft mit der Transkription der Noten sowie eine CD, auf der die Chorsolisten des Bayerischen Rundfunkchores die Motetten zu Gehör bringen, bei.

Das Buch bietet ein rundum gelungenes Revival aller multimedialer Kunst.

Philipp Maurer

Zacharias DOLENDO (1561– um 1604) nach Jacques II. de Gheyn (1565–1629), Motette von Cornelis Schuyt (1557–1616): Hl. Cäcilia mit musizierenden Engeln. 1593, Kupferstich, 310 x 402 mm

Jan I. Sadeler (1550–1600) nach Maerten de Vos (1532–1603), Motette zum Text „Ave Maria“ von Cornelis Verdonck (1563–1625): Maria und Anna mit dem Christuskind. 1584, Kupferstich, 257 x 198 mm

Dieses Blatt gilt als das früheste Motettenbild und als das früheste Beispiel in Kupfer gestochener, zum Absingen gedachter Musiknoten.

Jan I. Sadeler (1550–1600) nach Maerten de Vos (1532–1603), Motette von Andries Pevernage (1542/43–1591): Verkündigung der Geburt Christi an die Hirten. 1587, Kupferstich, 389 x 297 mm

Das monumentale Blatt zeigt die vokal musiziernden himmlischen Chöre. Neun Engel halten jeweils ein Blatt mit einer ausgeschriebenen Stimme der neunstimmigen Motette in Händen.

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