Maribor 2012 – Kulturhauptstadt Europas

Maribor 2012 – Kulturhauptstadt Europas

Druckgraphik in der Kulturhauptstadt Europas, Druckgraphik und ihr neumediales Anathema und über das Charisma der Eindrücke und Abdrücke. Von Jožef Muhovič

 

„Kulturhauptstadt Europas“ ist ein Titel, den ein oder mehrere europäische Städte für die Dauer eines Kalenderjahres verliehen bekommen. Die Kulturhauptstadt-Aktion wurde auf Initiative der damaligen griechischen Kulturministerin Melina Mercouri am 13. Juni 1985 vom Rat der Europäischen Union beschlossen. Für das Jahr 2012 wurde der Titel zwei Städten verliehen: Guimarães in Portugal und Maribor in Slowenien. Maribors Kulturhauptstadt-Programm trägt den Titel „Pure Energy“. Nach Meinung der VeranstalterInnen drückt er „die Entschlossenheit zur Ausschöpfung aller innovativen Potenziale“ aus, vor allem aber den Wunsch nach einer „synergetischen“ Verbindung zwischen Kultur und Wirtschaft.

 

Das erklärte Ziel der Kulturhauptstadt-Initiative lautet verkürzt: den kulturellen Reichtum und die Vielfalt der europäischen Kulturen zu zeigen, das Verständnis und die gegenseitige Achtung zwischen den EuropäerInnen verschiedener Sprachen und Traditionen zu fördern sowie durch Betonung der gemeinsamen kulturellen Fundamente das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur selben europäischen Gemeinschaft zu stärken. Dies fordert von jedem/jeder von uns, den anderen/die andere zu er-kennen, ihm/ihr sein/ihr Anderssein nicht übel zu nehmen, seine/ihre Tradition und ihn/sie selbst als BürgerIn Europas zu achten. Dieser konkretisierte Aspekt macht die Deklarativität zweifellos schwieriger und problematischer – denn er ist der Barometer der europäischen Kulturrealität.

 

Die Städte, die sich um diesen Titel bewerben, verfolgen neben den deklarativen noch ihre eigenen pragmatischen Ziele. Einerseits möchten sie „in den Augen der europäischen Öffentlichkeit“ ihre eigene nationale und kulturelle Identität affirmieren und zeigen, wie vital und „aktuell“ diese ist. Andererseits versuchen sie, Bedingungen zur Verbesserung ihrer Kultur- und Kunstinfrastruktur zu erreichen, die, gemessen an den nationalen Staatshaushalten, günstiger sind.

 

Die Reflexion ist im Zusammenhang mit den Zielen der „Kulturhauptstadt Europas“ nicht besonders erwähnt. Es geschieht jedoch, dass das Bedürfnis nach Reflexion über den Status der zeitgenössischen europäischen Kultur und Kunst von den Projekten und Veranstaltungen, in denen sich die jeweilige Kulturhauptstadt manifestiert, selbst ausgelöst wird. Dieses Jahr könnte jedenfalls auch der Status der zeitgenössischen Druckgraphik vom erforschenden Lichtstrahl der Reflexion erfasst werden.

 

Die Druckgraphik und ihr neumediales Anathema

Schon bei oberflächlicher Betrachtung des Programmplans der slowenischen Kulturhauptstadt Europas zeigt sich, dass in ihm darstellende und neumediale Künste stark überwiegen und sozusagen sein Markenzeichen sind. Es folgen Musik und Film, dann visuelle Künste, weit hinten die bildende Kunst. Für die Druckgraphik sieht das Programm nur eine einzige Vorstellung vor, die im Juni von StudentInnen der Pädagogischen Fakultät der Universität Maribor zusammengestellt wird („Zwischen unsichtbarem und präsentem Abdruck“) – als Schlusslicht des Programmangebots. Angesichts der Tatsache, dass die Druckgraphik in ihren Anfängen im frühen 15. Jahrhundert selbst als „neues Medium“ mit unvorstellbaren reproduktiven Horizonten (vgl. Einblattholzschnitt) eingeführt wurde, ist es interessant zu beobachten, wie nun gerade ihre reproduktiven Nachfolger – die heutigen „Neuen Medien“ – das Anathema der Unaktualität über sie aussprechen. Diese Tatsache könnte man natürlich den langsamen Verdauungsmechanismen der Geschichte überlassen, doch bedeutete dies, dass man sie der eigenen Nicht-Kenntnis dessen überlässt, was uns mit ihr in Wirklichkeit gegeben ist und warum wir uns automatisch ihrer neuzeitlichen Magie überlassen und ihr gehorsam sein müssten.

 

In diesem Zusammenhang frage ich mich offen: Welches kulturelle Vorzeichen und welchen kulturellen Aktionsradius besitzt die Druckgraphik heute (in Slowenien, in Europa, weltweit)? Ist sie wirklich marginal, wie man nach ihrer „Abwesenheit“ meinen könnte? Ist ihre Marginalität gerechtfertigt? Würde uns ohne sie überhaupt irgendetwas fehlen?

 

Von der Graphikbiennale zur Graphikbiennale ohne Graphik und die Konsequenzen

Zum Überlegen dieser Fragen muss man zunächst einmal in den Rückspiegel der Geschichte blicken. In Slowenien jedenfalls auf die fast 60jährige Tradition, die die Internationale Graphikbiennale von Ljubljana mit ihrem Entwicklungssinusoid darstellt. Diese startete 1955 mit der Ambition, eine „kompetente Übersicht über die aktuelle globale graphische Kreativität“ zu bieten; im Zeitraum 1999 bis 2007 suchte die Biennale eifrig nach einer „Symbiose“ mit neuzeitlich erweitertem Kunst- und Graphikbegriff; mit der 29. Ausgabe (2011), die dem „Ereignis“ (event) gewidmet war, hat sie sich mit einem großen Sprung für die VeranstalterInnen und einem fiktiven Schritt für die graphische Kunst zur „graphischen Biennale – ohne Graphik“ entwickelt.

 

Die VeranstalterInnen und die Kuratorin der Biennale haben nämlich „festgestellt“, dass die Druckgraphik nicht mehr die dominante Form der Kommunikation in der heutigen Welt sei und schwer mit anderen reproduktiven und audiovisuellen Medien Schritt halte. In dieser Hinsicht sei die Begrenzung der Graphikbiennale in den engen Rahmen des graphischen Mediums ein fragwürdiger Anachronismus, weil die Graphik, wie allgemein bekannt, doch nur eines der von KünstlerInnen verwendeten Werkzeuge sei, mit denen sie ihre Ideen und Visionen vermitteln. Der universale Wert des Kunstwerks bestehe nicht mehr in der unmittelbaren Verbindung mit dem Medium, vielmehr zähle nur, ob es dem Künstler/der Künstlerin gelungen sei, entsprechende Symbole so zu organisieren, dass sie die Welt und den Menschen in ihr widerspiegeln und enthüllen.

 

Dem Vorbild solcher konzeptueller Ausgangspunkte, schreibt der Kunsthistoriker und Journalist Peter Rak in einer futuristisch inspirierten Glosse über die 29. Graphikbiennale von Ljubljana, folgen bald alle anderen und erreichen die Befreiung aus den Fesseln der klar definierten Kunstgenres, die veraltet seien: Theater-, Film-, Kunst-, Musik-, Tanz- und Opernfestivals verwandeln sich über Nacht in künstlerische Events ohne überflüssiges Spiel, Formschaffen, Tanzerei und Singerei. Die VeranstalterInnen der „Ars Electronica“ in Linz sehen endlich ein, dass die Elektronik passé ist. Sie entschließen sich zu einem radikalen Schnitt und ersetzen die Hochtechnologie durch ayurvedische Medizin. Diese ist ebenfalls passé, doch erweist sich dieser Schritt als wirksam zur Anlockung alter und kränklicher Bewohner-Innen des alten Kontinents, da sich die Zahl der Kunstfestivals in Europa stark erhöht und bald die magische Schwelle von einhunderttausend erreicht – und der Kampf um jeden, der zum Kauf einer Eintrittskarte bereit ist, erbarmungslos wird. Und was könnte den Menschen mehr widerspiegeln und vor allem enthüllen als ayurvedische Medizin? Das Einzige, was zählt, ist das Ereignis. Dies ist völlig verständlich. Denn warum sollte der Mensch irgendwohin gehen, wo nichts los ist? Und wieder sind wir beim historischen Umbruch der Graphikbiennale Ljubljana 2011, die als erste visionär die globalen Kunsttrends lancierte1.

 

Das Charisma der Eindrücke und Abdrücke

Eine Extrapolation der Erhebung des Events auf den Thron der Kunst deutet also noch bessere Trends an, als es die VeranstalterInnen erwartet haben. Die ganze Sache könnte, trotz der Nörgelei der Konservativen im Lande, die stets an allem etwas auszusetzen haben, ruhig weiterlaufen. Das Problem besteht lediglich in der Nostalgie. Jedes Mal, wenn man auf etwas verzichtet, beginnt man es nämlich fast im selben Moment zu vermissen. Und so geschah es, dass sich auch die VeranstalterInnen der graphikfreien Graphik-Biennale nach der Druckgraphik zu sehnen begannen. Warum genau, ist nicht bekannt. Tatsache ist aber, dass sie – was etwas Außerordentliches ist – sofort nach dem Ende der 29. Ausgabe der Biennale eine Ausstellung von Druckgraphiken unter dem Titel „Abdrücke und Eindrücke“ vorzubereiten begannen und sie im April dieses Jahres auch eröffneten. Die AusstellerInnen wurden durch Anmeldung über eine öffentliche Ausschreibung gewonnen, obwohl Ortega y Gasset (1883 – 1955) gegen derartige demokratische Gesten in der Kunst protestiert hat, weil sie zu Plebejertum führen. Das Interesse war groß, besonders bei jüngeren KünstlerInnen (rund 150 angemeldete mit mehr als 1000 Werken). Hieraus kann man schließen, dass die Druckgraphik noch lebt. Wenn schon nicht „in der Szene“, so doch im jugendlichen Humus unter ihr.

 

Als ich für den Um:Druck zur 28. Graphikbiennale von Ljubljana schrieb, dass diese Biennale im Kern nichts anderes sei als eine „Erzählung über die Tätowierung des Subjekts seitens der globalisierten Welt und über die reaktive Tätowierung der globalisierten Welt seitens des fragmentierten postmodernen Subjekts“, hatte ich Recht. Ganz besonders darin, dass das, was an unseren Körpern und im Geist „von sich selbst“ ausgesprochen bzw. tätowiert wird, noch keine Kunst ist, weil es die Eigenschaft eines Leerlaufs hat2. Es scheint, dass die Ausstellung „Abdrücke und Eindrücke“ tiefgründig genau hiervon erzählt. Anziehend sind bei ihr nämlich nicht Events, die sich im leerläufigen Ablauf oder mit sanfter Aufdringlichkeit automatisch „in uns einprägen“, sondern Events, die formal und semantisch in der Herstellung der Originalmatrize des Autors gehärtet werden und sich dadurch in verdichteter Form „in die Welt abprägen“, etwa Črtomir Frelih, Zora Stančič, Samuel Grajfoner, Ivo Mršnik, Mojca Zlokarnik, Bojan Kovačič. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass man mit Ersteren nur kommunizieren kann, während man mit Letzteren – die sich durch die Form offenbaren, welche sich gegen oberflächliche Muster der Fantasie und Trendigkeit zu wehren weiß – außerdem auch kontemplieren kann. Den Unterschied zwischen subjektiven Impressionen und objektiver Abprägung in der Welt haben auch die StudentInnen der Universität Maribor gespürt. So haben sie sich entschlossen, Anfang Juni durch öffentliches Drucken großformatiger Holzschnitte mit einer Straßenwalze vor dem Verwaltungsgebäude der Universität Maribor die Druckgraphik exemplarisch in das urbane Gewebe der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas „einzutätowieren“, wenn die Druckgraphik die Öffentlichkeit in der besser bekannten Form des „persönlichen Kontemplierens“ nicht mehr erreichen kann. Und sie warteten auf das Resultat.

 

Wozu Druckgraphik in postmoderner Zeit?

Es existiert also eine Art postmoderne Antwort auf die Frage, wozu Druckgraphik?, die „nicht mehr die dominante Form der Kommunikation ist und schwer mit anderen reproduktiven und audiovisuellen Medien Schritt hält“, doch ist dies meiner Meinung nach nicht die ganze Antwort. Diese, die aus dem „Event“, das sich ereignet und vergeht, ein Opium für Intellektuelle unserer Zeit gemacht hat, hat im Zusammenhang mit der Druckgraphik etwas Wichtiges vergessen – nämlich dass sie, wenn sie sich „ereignet“, bleibt.

 

Und was bleibt mit ihr in der Kultur?

 

Technologisch und geschichtlich betrachtet läge die Antwort auf der Hand: Viele relativ preisgünstige vervielfältigte Abdrucke einer bestimmten Gestalt bzw. eines Bildes, die den Hauch von Unikaten haben. Doch die neuzeitlichen Reproduktionstechniken haben sie hinsichtlich Geschwindigkeit und Auflagenhöhe längst überholt. Im reproduktiven Sinne ist die Druckgraphik in der Postmoderne nicht wettbewerbsfähig. Wettbewerbsfähig ist sie aber in einer anderen Hinsicht. Ihr „Point“ besteht heute nicht darin, viele Abdrucke zu hinterlassen, sondern Qualitäten zu produzieren, die es sich oft abzudrucken lohnt – Qualitäten von Formen und der in ihnen realisierten Ideale.

 

Die heutige Zeit verherrlicht alles, was mit den Begriffen Kommunikation und Information verbunden ist. Doch das Problem besteht schon längere Zeit nicht mehr darin, was den Menschen informieren kann, sondern darin, was ihn formieren kann: durch tiefe Einblicke und hohe Formstandards, die – mit Iris Murdochs Worten – „pure Freude am unabhängigen Bestehen von etwas Ausgezeichnetem“, bieten. Die moderne Rhetorik des Progresses und die postmoderne Rhetorik des Prozesses übersetzen die Welt in eine Sprache deklarierter oder promovierter Ideale, die Druckgraphik hingegen (wenn ihr dies gelingt – und manchmal gelingt es ihr) übersetzt die Welt in eine Sprache, die fähig ist, Ideale in prototypen Formen zu inspirieren, hervorzubringen und zu pflegen, in denen der Mensch intensiv sich selbst in der Welt und die Welt in sich selbst erlebt. Diese Formen scheinen uns häufig geheimnisvoll, weil sie oberflächlichen Mustern der Fantasie ausweichen, während die Formen der „Events“ in der Regel nichts Geheimnisvolles an sich haben (allenfalls etwas Unverständliches oder Exzentrisches), da sie eine vertraute und reich bevölkerte Abkürzung der persönlichen oder trendischen Träumerei sind, wie Murdoch sagen würde.

 

Kurzum: Ein graphisches Blatt ist eine kleine und fragile Sache; doch das, was mit ihm in die Kultur kommt, ist keine kleine Sache. Insbesondere wenn die Kultursonne, wie Karl Kraus sagte, niedrig steht und selbst unmerkliche Erscheinungen dramatisch lange Schatten auf die Welt werfen können.

 

Anmerkungen:

1 Peter Rak: Krasni novi svet (Schöne neue Welt), in: Pogledi (Blicke) Nr.2/22 (2011), S.23

2 Vgl. Jožef Muhovič: Von der Matrize zur Matrix, in: Um:Druck 13/2009, S.17 f., hier S.18

 

Univ.Prof. Dr. Jožef Muhovič, Druckgraphiker und Maler, lehrt an der Akademie für bildende Kunst und Design an der Universität Ljubljana.

 

Aus: Um:Druck – Zeitschrift für Druckgraphik und visuelle Kultur. Nummer 20, Juli 2012, Seite 17ff.

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