Zens’ Zentren

Zens’ Zentren

Zur Ausstellung im Renner-Institut

von Philipp Maurer

Vom Versuch, die formalen und inhaltlichen Zentren des Werkes Herwig Zens‘ aus Anlass seines 70. Geburtstages am Beispiel einer Druckgraphik-Ausstellung im Renner-Institut sichtbar zu machen, berichtet der Kurator Philipp Maurer.

Auch der Um:Druck nimmt, neben vielen anderen Ausstellungsorten und Kunstvereinen, den 70. Geburtstag von Herwig Zens zum Anlass, sich mit dem Werk des Künstlers würdigend und analytisch auseinanderzusetzen und ihn mit Ausstellungen, Filmen usw. zu ehren. Im Renner-Institut ist die Ausstellung „Zens’ Zentren“ zu sehen, in der ich den Versuch unternehme, die zahlreichen Mittelpunkte im Œuvre des Künstlers, der gerüchteweise schon an mehreren Orten gleichzeitig gesehen worden ist, festzustellen und sichtbar zu machen. Jedenfalls: egal, welches Thema Zens zeichnend, malend, radierend behandelt, es tritt die visuelle „Verzensung“ der Welt ein, denn alles wird seinem dynamischen Strich unterworfen. Auch Zens’ Malerei ist vielfach vom Strich dominiert – daher ist es gerechtfertigt, sein druckgraphisches Werk als formales Zentrum anzusehen, in dem sich alle inhaltlichen Zentren realisieren.

 

Das Hauptwerk Zens’, das ich für das wichtigste und persönlichste Dokument halte und das ich wegen seiner ausufernden Überdimensionalität gerne mit Karl Kraus’ „Fackel“ oder Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ vergleiche, ist das Tagebuch. Seit dem 11.11.1977 radiert Zens täglich zumindest das Datum in eine Kupferplatte von 4 cm Breite. Für das Projekt, im Jahre 2006 alle bis dahin vorhandenen Platten des Tagebuches zusammen auf einem Bogen Papier zu drucken, benötigte der Kupferdrucker Kurt Zein, vermutlich der einzige, der solches Experiment erfolgreich beenden konnte, eine Papierbahn von mehr als 44 Meter (siehe Um:Druck Nr. 1/2006, S.1 f.).

 

Der Versuch, die Zeit festzuhalten, den Tod zu düpieren, wie es in Märchen und Sagen einzelnen auserwählten Menschen gelingt, ist das zentrale Movens in Zens’ Werk, das Müssen, von dem Erwin Ortner und andere im neuen Film von Herbert Link „Zens. Der Versuch“ eindringlich sprechen. Vom Leben, Überleben und vom Sterben handeln die „Goya-Paraphrasen“, in denen sich Zens vor allem mit den Bildern im Haus des Tauben und mit den Desas-tres de la Guerra beschäftigt. Vom Geist und seinem Überleben, aber auch von der Absurdität des Versuchs, Geist, Literatur und Welt vereinigen zu wollen, handeln die Radierungen zu Cervantes „Don Quixote“. In der spanischen Welt des Herwig Zens fehlt der Stierkampf keineswegs, auch er ist als lebendiger Mythos über Leben und Tod wichtiges Motiv für ihn. Diskutieren kann man mit ihm über dieses Thema nicht: denn es ist Teil der Welt ebenso wie der Zensschen Welt, fixer Bestandteil des Mythos als Realität. Insofern hat der Stierkampf viel Gemeinsames mit der Welt am Berg Athos, die Zens schon seit vielen Jahren immer wieder besucht, um die christlichen Mysterien zu erleben. Dass es auch hier um die Frage nach Leben und Tod geht, liegt auf der Hand.

 

Die für Zens wichtigste musikalische Auseinandersetzung mit dem Tod ist Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“. In zahlreichen Radierungen variiert Zens das Thema. Der Tod tritt mit Geige oder Schalmei auf, er ist alltäglich und allgegenwärtig: er begegnet der jungen Frau in der Badewanne, ebenso wie die junge Frau mit dem hübschen Hintern ihm in den Katakomben von Palermo.

 

Der Totentanz (siehe dazu Um:Druck Nr. 19/2012, S. 7 ff.) ist das Gegenstück zum Zensschen Tagebuch, nämlich die Feststellung, dass nichts und niemand den Tod aufhalten kann. Alle, von Papst und Kaiser bis zur alten Frau und zum kleinen Kind, werden von Tod geholt. Diese Erfahrung, die um 1400 als frühe naturwissenschaftliche Erkenntnis den Menschen klar und im Bild formelhaft dargestellt wurde, gilt unverändert für alle Menschen. Außer, wie Zens erzählt, für die Künstler: in Bamberg gibt es einen reliefierten Totentanz, der den malenden Maler zeigt, hinter dem der Tod steht und ihn fasziniert beobachtet. In der Hand hält der Tod die Sanduhr, allerdings nicht senkrecht, sondern waagrecht … sodass der Sand nicht fließen kann!

 

Die Ausstellung „Zens’ Zentren“ ist im Renner-Institut in Wien vom 15. Oktober 2013 bis 31. Jänner 2014 zu sehen (Veranstaltungskalender S.30“.

 

Soeben erschienen:

Zens. „Mythos“. Betrachtungen über einen langjährigen Freund von Johann Winkler.

Wagner Verlag, Linz 2013

106 S., 21,4 x 23,7 cm, Hardcover im Umschlag;

ISBN 978-3-902330-88-8; € 28,-

 

Aus: Um:Druck – Zeitschrift für Druckgraphik und visuelle Kultur. Nummer 24, Oktober 2013, S. 14

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