Polly Delcheva: Der saubere Pionier – ein Relikt?

Edition Jugendfrei 10

Polly Delcheva, geboren 1985 in Sofia, besuchte das Gymnasium für angewandte Kunst in Sofia, wo sie eine Ausbildung in Schmieden, Goldschmieden und künstlerischer Metallbearbeitung erhielt. Die klassisch-konservative Ausbildung im Hauptfach wurde fortgesetzt und intensiviert in den Nebenfächern Zeichnen, Perspektive, Anatomie und Skulptur. Nach ihrer Übersiedlung nach Wien im Jahr 2002 begann Delcheva ihr Studium an der wiener kunst schule, wo sie versuchte, den strengen Akademismus zu überwinden und sich der freien zeitgenössischen Kunst anzuschließen. Die erlernte Gründlichkeit in der Materialbearbeitung allerdings lässt sie nicht los. Und ihre Jugenderlebnisse in Bulgarien ebenfalls nicht. Sie sind Thema ihrer Diplomarbeit mit dem Titel „1001 Waren“.

In ihrer Diplomarbeit arbeitet Polly Delcheva nun ihre Kindheits- und Jugenderfahrungen auf. Für unsere Edition Jugendfrei hat sie das Blatt „Der Musterschüler“ ausgewählt, das uns eine kleine Blechtafel zeigt, auf der zu lesen steht: „Pionier! Ein junger Pionier (= dimitrovec) bist du! Sauber und ordentlich sollst du sein“. Neben der Schrift salutiert der junge Pionier in strammer Haltung, angetan mit kurzer Hose und strahlend weißem Hemd, das Halstuch ordnungsgemäß geknotet. Solche Tafeln, zu tausenden an den Wänden montiert, blieben auch nach der Wende 1989 hängen. Zwar galt es nicht mehr, ein junger Pionier des Sozialismus zu werden, aber die Mahnung, ordentlich und sauber zu werden, zu sein, zu bleiben, ist dank ihrer Spießbürgerlichkeit auch in der neuen Gesellschaft gültig. Die „Wende“brachte ja nicht die sofortieg und vollständige Umwertung oder Neubewertung aller Werte mit sich; vielmehr lebten viele Haltungen, vor allem das Traditionsbewusstsein und der Nationalstolz, unverändert weiter und wurden sogar durch die ökonomischen und politischen Krisen, von denen die bulgarische Bevölkerung schlimm getroffen wurde, teilweise verstärkt. Die Versorgung der Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigen verbesserte sich nach 1989 keineswegs, es wurde vielmehr schlechter.

Polly Delcheva erzählt: „1001 Waren hieß das Geschäft. 1001 Waren gab es angeblich drinnen. Als wir Kinder waren, standen wir vorm Schaufenster und betrachteten die Überschrift. Wir starrten diese magische Zahl an und konnten sie einfach nicht fassen. 1001. Unendlich viel. Eines Tages spazierten wir hinein, in der Absicht, alle Waren zu zählen. Als wir bei 87 angelangt waren, bat uns die Verkäuferin mit mäßiger Freundlichkeit, das Geschäft zu verlassen. Wir gingen lautlos hinaus auf die Straße und bald waren Misserfolg und Unmut vergessen. Der Verdacht, dass etwas nicht stimmen konnte, blieb. Die endlosen Regale, gefüllt mit immer wieder der gleichen Konserve, wird man nie vergessen. Den einen Kaugummi, den einen Lutscher, die einzige Schokolade, die Konfektware in braun und blau, das Fahrrad, den Kühlschrank, den Fernseher aus der heimischen Produktion. Man erkennt diese Gegenstände heute noch. Man erinnert sich an den Geschmack der Pralinen aus der einzigen Schachtel in Rot. Ohne dass wir es wollten, sind sie ein Teil von unserem gemeinschaftlichen Gedächtnis geworden. Erinnerungen, die uns bis heute noch zusammenhalten.“

Die Warenwelt, egal ob sie eine realsozialistische oder eine kapitalistische ist, versucht immer, nicht nur ihre Ware zu verkaufen, sondern mit der Waren einen „Mehrwert“. Im realen Sozialismus sollten Waren den „neuen sozialistischen Bürger“ formen, im Kapitalismus machen Waren den Konsumenten jung, schön, sexy, verschaffen Image, Trost, Anerkennung. Jede Ware ist neben ihrem gebrauchswert auch Ideologieträger. Polly Delcheva: „Jede Ware hatte ihren ideologischen Doppelgänger. Oder warum hieß die Waffel gerade ‚Volkswaffel‘?“ Als Gegenstück im Kapitalismus gibt’s den gut gezuckerten „Sportriegel“ zum „Volkswandertag“.

Polly Delchevas Diplomarbeit „1001 Waren“ wird die Geschichte des Trivialen: „Die Geschichte dieser stillen Zeugen einer Zeit geprägt vom ideologischen Lärm. Eine Erzählung, die unumgänglich biographisch und sozialistisch zu gleichen Teilen sein wird. Ein Durchgang durch den ‚Vorzeigehaushalt‘ des Sozialismus: die Hausarbeit erledigen, im Kinderzimmer spielen, sich auf die Couch setzen, ein bisschen fernschauen, kurz ausruhen, das Fahrrad aus der Abstellkammer holen und weiterfahren.“ (Polly Delcheva)

Das Blechschild auf unserem Blatt ist ein realsozialistisches „Lehrbild“, das Text und Bild zur Handlungsanleitung vereinigt. Es ist rostig und verdreckt, auf eine schmutzige Wand genagelt. Aber es ist noch gut lesbar: offensichtlich hat sich jemand die Mühe gemacht, die Aufschrift selbst sauberzuhalten. In ihrer druckgraphischen Umsetzung mit den schönen Aquatinta-Tönen macht Polly Delcheva aus dem „Lehrbild“, einem historischen Relikt, ein „Merkbild“, das nicht nur ein ironischer, sogar zynischer Kommentar zur Vergangenheit ist. Sondern das „Merkbild“ mit seinen Spuren des Verfalls und dem Versuch, ihn aufzuhalten, macht auch sichtbar, dass die Vergangenheit und ihre Werte weiterhin hochgehalten, geschätzt und gepflegt werden und sie weiterhin die Gegenwart mitbestimmen. Das „Merkbild“ Polly Delchevas erfüllt daher die Funktion, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, sich ihrer bewusst zu werden und sie zu beurteilen. Denn sie einfach zu vergessen, geht nicht. Unsere Graphik bleibt ambivalent: sie ist Botschaft, Erinnerung, Kommentar und Bewältigung zugleich.

Philipp Maurer

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